Wie ich – mit 17 Jahren – zu einer britischen Staatsbürgerschaft kam - Wahre begebenheit

Es war ein Klassenausflug nach England. Für viele aus der Klasse war es die erste Reise nach Großbritannien. Wir waren noch jung, voller Neugier, und London war für uns ein riesiges Abenteuer. Unser Treffpunkt während der Stadterkundung war der Trafalgar Square, einer der bekanntesten Plätze der Stadt. Dort sollten wir uns immer wieder sammeln, bevor wir gemeinsam weiterfuhren.

Ich war damals 17 Jahre alt. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwei Staatsbürgerschaften: die polnische und die deutsche. Als Emigrant aus Polen und Spätaussiedler hatte ich beide erhalten. In Deutschland war – zumindest nach dem damaligen Verständnis – eigentlich nur eine begrenzte Anzahl an Staatsbürgerschaften vorgesehen. Mehr als zwei waren ungewöhnlich.

An diesem Tag hielten wir uns mehrere Stunden am Trafalgar Square auf. Touristen liefen überall herum, Busse fuhren vorbei, Tauben flatterten über den Platz. Es war laut und lebendig.

Advertising

Ein Klassenkamerad machte mich plötzlich auf etwas aufmerksam.

Ein großer Koffer stand dort – mitten auf dem Platz – völlig herrenlos.

Der Koffer war ungewöhnlich groß. Fast wie eine Truhe. Er wirkte schwer und massiv, und niemand schien sich dafür zu interessieren. Kein Besitzer in der Nähe, niemand, der danach schaute.

Die 1990er Jahre waren in Großbritannien eine Zeit, in der Terroranschläge durch die Provisional Irish Republican Army immer wieder Schlagzeilen machten. Bombenwarnungen waren damals keine Seltenheit.

Ich schaute mir den Koffer an und sagte halb im Ernst, halb im Scherz:

„Das muss eine Bombe sein.“

Mein Klassenkamerad antwortete, dass der Koffer wirklich niemandem zu gehören schien.

Wie 15- oder 16-jährige Jungen eben sind, nahmen einige aus der Klasse das Ganze nicht ernst. Sie sprangen um den Koffer herum, riefen „Bombe!“ und lachten. Für sie war es ein Spiel. Ein Abenteuer.

Dieses Spiel sollte ihnen später die Sprache verschlagen.

Innerhalb von etwa 15 Minuten waren plötzlich Polizei und Sicherheitskräfte da. Die Situation änderte sich schlagartig. Sirenen, Absperrungen, hektische Bewegungen. Die Behörden reagierten schnell.

Später stellte sich heraus, dass tatsächlich mehrere Bomben in London deponiert worden waren. Insgesamt drei. Eine davon war eine Nagelbombe, die vor einer Schwulenbar explodierte. Die ganze Stadt geriet in Alarmzustand. Straßen wurden gesperrt, Bereiche abgesperrt, und überall waren Einsatzkräfte unterwegs.

Unsere Klasse bekam schnell die Anweisung, zum Bahnhof zu gehen. Wir erwischten gerade noch den letzten Zug zurück zu unserem Aufenthaltsort außerhalb von London.

Doch damit war die Sache nicht vorbei.

Als wir bei unseren Gastfamilien ankamen, wurde auch dort alles abgeriegelt. Beamte kamen ins Haus. Jeder aus der Gruppe musste einzeln befragt werden.

Ich war der Letzte.

Im Raum saßen mehrere freundliche Damen von den Behörden. Sie stellten viele Fragen: Was wir gesehen hatten. Wer zuerst den Koffer bemerkt hatte. Wer etwas gesagt hatte. Wer sich in der Nähe aufgehalten hatte.

Das Gespräch dauerte lange.

Während der Befragung stellten sie fest, dass ich deutlich besser Englisch sprach als viele meiner Klassenkameraden. Sie lobten meine Sprachkenntnisse mehrmals. Mit einigen anderen Schülern war die Kommunikation schwieriger gewesen.

Ich musste meine persönlichen Daten angeben und meinen Kinderausweis vorzeigen. Alles wurde sorgfältig notiert und sogar außer Haus gebracht.

Nach vielen Stunden war schließlich alles geklärt. Unsere Gasteltern und die anderen Schüler durften wieder ins Haus zurückkommen.

Zum Abschluss bekam ich sogar ein kleines Geschenk: ein Portemonnaie. Darin befand sich ein kleiner Notizblock, in den ich Kontakte und Adressen eintragen sollte. Zusätzlich bekam ich etwas Geld, damit ich mir Souvenirs kaufen konnte.

Eine der freundlichen Damen füllte den Notizblock sogar für mich aus – meine eigene Handschrift war so unleserlich, dass sie meinte, sonst könne später niemand etwas davon entziffern.

Und dann gab es noch etwas Besonderes.

Ich erhielt eine provisorische britische Identitätskarte aus dem Vereinigten Königreich.

So kam es, dass ich – zumindest nach diesem Erlebnis und diesem Dokument – plötzlich behaupten konnte, neben meiner polnischen und deutschen auch eine britische Staatsbürgerschaft zu besitzen.

Eine ungewöhnliche Geschichte aus meiner Jugend – ausgelöst durch einen herrenlosen Koffer auf dem Trafalgar Square.

 

Eu und Großbiritische Flagge