„Es gibt nie eine letzte Reißleine“ – Die Erzählungen eines alten Wanderers über das Leben selbst

Ein Artikel über das Leben, den Weg, das Fallen – und das Gehen trotz allem.


Prolog: Die Stimme des Windes

Wenn du alt genug bist, um still zu stehen und den Wind sprechen zu hören, dann wirst du merken, dass er Geschichten trägt. Nicht nur vom Wetter, sondern von Schritten – zahllosen Schritten, die Menschen vor dir gegangen sind. Manche sind gelaufen, andere geschlichen. Einige gefallen. Aber alle gingen. Und weißt du, was keiner von ihnen je fand? Die „letzte Reißleine“. Die gibt es nicht.

Das, mein Freund, ist die erste Lektion.

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1. Der Anfang: Die Geburt ist kein Vertrag

Ich wurde nicht gefragt, ob ich leben will. Niemand wurde das. Wir sind einfach plötzlich da – mit einem ersten Schrei, einem zarten Lufthauch, den wir selbst nicht verstehen. Der Anfang ist kein Vertrag. Kein Plan. Kein Handbuch liegt neben dem Bett, kein Ziel hängt an der Wiege.

Ich kam auf diese Welt wie alle: nackt, schutzlos, neugierig. Und doch war alles, was ich je brauchte, schon da. Nicht in meiner Tasche, sondern in mir: Zeit. Und die Möglichkeit, sie zu gehen.


2. Die Wege: Geradeaus ist langweilig

Als junger Mann dachte ich, das Leben sei ein Pfad – sauber gepflastert, vielleicht mit ein paar Kurven, aber im Großen und Ganzen berechenbar. Schule, Arbeit, Familie, vielleicht ein Haus. Ein Plan, ein Muster. Aber das Leben lachte mir ins Gesicht. Es trat mir in die Seite und rief: „Falsch gedacht!“

Ich verlor früh Menschen, die mir nah waren. Ich rannte falschen Träumen hinterher. Ich liebte falsch, kämpfte für Dinge, die mich zerstörten. Und weißt du was? All das war gut. Nicht, weil es leicht war – sondern weil es echt war.

Geradeaus ist eine Illusion. Das Leben läuft in Spiralen, in Sackgassen, in Schlaufen. Und manchmal kehrst du an Orte zurück, die du dachtest, längst hinter dir gelassen zu haben – nur um festzustellen, dass du diesmal anders da bist.


3. Die Dunkelheit: Wenn alles still wird

Es gibt Nächte, in denen du auf einem Stein sitzt, barfuß, und in einen Himmel schaust, der keine Antwort gibt. Keine Sterne, kein Mond, nur du und das dunkle Rauschen deiner Gedanken. Und dann fragst du dich: „War’s das?“

Ich hatte viele solcher Nächte. Nächte, in denen ich alles aufgeben wollte. Menschen. Wege. Mich selbst. Aber was ich irgendwann verstand: Auch das Aufgeben ist ein Schritt. Es ist kein Ende. Es ist nur ein anderer Takt im Rhythmus des Lebens.

Und dann kam der Morgen.


4. Die Entscheidung: Gehen, auch wenn du nicht weißt, wohin

Ich erinnere mich an einen Herbstmorgen. Mein Rucksack war leer, mein Herz schwer, meine Schritte ziellos. Aber ich ging. Ich wusste nicht, wohin – ich wusste nur, dass ich musste.

Das Leben zwingt dich nicht zu Entscheidungen. Es wartet. Es wartet darauf, dass du dich selbst fragst: „Was jetzt?“ Und genau in dieser Frage beginnt das Leben wirklich. Nicht in der Sicherheit, sondern im Risiko. Nicht im Haben, sondern im Gehen.

Ich habe seither viele Wege beschritten. Manche führten zu Menschen, manche zu Bergen, manche in mein Innerstes. Aber nie, niemals, war einer umsonst.


5. Die anderen: Niemand geht allein

Ich traf viele Menschen. Verlorene, Liebende, Suchende. Ich schlief in Hütten, in Ruinen, unter Brücken, in Palästen, und das eine, was alle Orte verband, waren Geschichten. Jeder Mensch, dem du begegnest, trägt ein ganzes Universum in sich. Hör zu. Lerne. Und wenn du kannst: Leuchte für sie, wenn ihre Kerze flackert.

Einmal sagte mir ein alter Mann in Portugal: „Wir sind nur Laternen an dunklen Wegen. Du wirst nie wissen, wen dein Licht berührt.“ Ich habe diesen Satz nie vergessen.


6. Die Reißleine: Ein Mythos

Viele suchen sie: die Reißleine. Den einen Moment, wo alles kippt. Der letzte Strohhalm. Die große Entscheidung. Das große „Jetzt oder nie“. Ich sage dir: Es gibt sie nicht.

Was es gibt, sind Übergänge. Brüche. Pausen. Stillstände. Und dann: Wieder Schritte.

Ich habe gelernt, dass das Leben keine Bühne ist mit einem letzten Akt, sondern ein Fluss. Und auch wenn du denkst, du fällst – du wirst getragen. Von Zeit. Von Menschen. Von Erinnerung.

Die „letzte Reißleine“ ist ein Mythos. Du kannst immer neu anfangen. Auch nach dem zehnten Sturz. Auch nach dem hundertsten Fehler. Die Erde unter deinen Füßen wird dich nicht verstoßen. Sie wartet. Immer.


7. Der alte Wanderer: Wer ich heute bin

Ich bin alt. Mein Bart ist grau, meine Hände tragen Risse wie trockenes Land. Ich besitze wenig. Und doch mehr, als ich je zu hoffen wagte: Zeit. Erinnerung. Und das Wissen, dass ich noch immer gehe.

Wenn du dies liest und denkst, dass du festhängst – glaube mir: Auch ich dachte das. Viele Male. Aber du atmest. Du liest. Und das heißt: Es geht weiter. Nicht weil du musst. Sondern weil du kannst.


Epilog: Die Spur im Staub

Ich werde eines Tages gehen – endgültig. Mein letzter Schritt wird kommen. Aber bis dahin lasse ich Spuren im Staub. Worte. Blicke. Begegnungen. Und du wirst das auch tun. Du tust es schon. Jeder tut es.

Lass dich nicht von der Angst bremsen. Nicht vom Zweifel. Nicht vom Warten auf „bessere Zeiten“. Die Zeiten sind da. Hier. Jetzt.

Denn das Leben, mein Freund, ist kein Ziel. Es ist ein Weg. Und die letzte Reißleine?

Die gibt es nicht.


– erzählt von einem alten Wanderer, irgendwo zwischen gestern und morgen

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AUTOR:  THOMAS JAN POSCHADEL

Herz

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